3. Lesen

Lesen in der Zweitsprache baut auf mündlichen Fertigkeiten auf. Wortschatzkenntnisse und das Verstehen syntaktischer Strukturen sind Voraussetzung für verstehendes Lesen. Beim Schriftspracherwerb in der Zweitsprache müssen die Schüler neben den erforderlichen mündlichen Kompetenzen auch über eine sichere Phonem- Graphem- Zuordnung verfügen und sich je nach Erstsprache gegebenenfalls mit unterschiedlichen Schriftsystemen auseinander setzen. Aufgrund der fehlenden Automatisierung und starken Konzentration auf Aussprache, Graphem- und Worterkennung sowie Entschlüsseln von Wortbedeutungen ist das Arbeitsgedächtnis bei L2- Lernern oftmals überlastet und das Lesetempo langsam. Informationen des Lesetextes können nicht schnell genug ins Langzeitgedächtnis überführt werden und „zerfallen“.

Im Zweitsprachunterricht sollten daher von Beginn an Grundfertigkeiten des Lesens wie Phonem- Graphem- Zuordnung und kontextfreie Worterkennung trainiert und automatisiert werden. „Die schlechten Ergebnisse der Lesekompetenz bei Jugendlichen mit einer anderen Erstsprache sind u.a. darauf zurückzuführen, dass die Geläufigkeit und Sicherheit in der Laut- Zeichen- Beziehung (…) der deutschen Schriftsprache fehlt.“ (Schulte- Bunert, 2012, S.121)

Lesen und Leseverstehen im Unterricht

Lesen erweitert den Wortschatz in kontextuellem Zusammenhang, zeigt neue sprachliche Strukturen auf und bereitet als rezeptive Tätigkeit das Schreiben vor. Lesetexte sollten nach Interesse und adäquat zum Sprachstand der Schüler ausgewählt werden. Individuelle Differenzierung durch offene oder unterschiedliche Aufgabenstellungen sowie explizites Herausarbeiten von Oberflächenmerkmalen und anaphorischen Bezügen erleichtern das Textverstehen.

Eine der grundlegenden Kompetenzen für Leseverstehen ist das Herstellen einer Textkohärenz. „Informationen, die der Leser beisteuert, um zu einer kohärenten Struktur zu gelangen, werden Inferenzen genannt.“ (Ehlers, 2014, S.218) Gemeint ist sowohl das Einbeziehen von Informationen, die nicht direkt im Text gegeben aber zu dessen Verständnis notwendig sind als auch das Herstellen von Beziehungen zwischen einzelnen Textteilen. Diese Informationen können verschiedenen Quellen entnommen werden. Zum Beispiel durch Unterscheiden möglicher Bedeutungen semantisch komplexer Wörter und syntaktischer Strukturen, durch „Hinzufügen“ fachspezifischer oder allgemeiner Informationen aus dem Weltwissen oder durch eine Neustrukturierung von Textelementen. Um dies zu trainieren eignen sich insbesondere Bilderbücher und andere narrative Texte, da hier fehlende Informationen entweder aus den Bildern oder- bei Erzählungen- aus dem „Allgemeinwissen“ ergänzt werden können.

Grundfertigkeiten trainieren

Textverstehen

- Vorbereitung auf den Text:

Vorwissen aktivieren, Assoziogramme, Bilder, Schlüsselbegriffe, semantische Differenzierungen erarbeiten, syntaktische Strukturen und Phänomene herausgreifen

- Texterschließung:

Schlüsselbegriffe markieren, Worterklärungen einfügen, Abschnittsgliederung, Schriftart vergrößern, Segmentieren von Wort- oder Satzeinheiten, Paralleltext, Bild- Abschnittszuordnungen

- Textsicherung:

Fragen zum Text, Sätze ordnen, Bilder ordnen, Überschriften formulieren, zum Text malen, Lückentext, szenisches Nachspielen, semantische und syntaktische Elemente nachbearbeiten

in Verbindung mit Schreiben: Paralleltext verfassen, in eine andere Textart umschreiben (Erzählung- Comic)

Literatur:

Ehlers S. (2014): Lesekompetenz in der Zweitsprache. In: B. Ahrenholz/ I. Oomen- Welke (Hrsg.): Deutsch als Zweitsprache. In: W. Ulrich (Hrsg.)(2014): Deutschunterricht in Theorie und Praxis Bd. 9. Baltmannsweiler

Schulte- Bunert E. (2012): Schriftspracherwerb in der Zweitsprache Deutsch. In:M. Michalak/ M. Kutschenreuther (Hrsg.) (2012): Grundlagen der Sprachdidaktik Deutsch als Zweitsprache. Baltmannsweiler

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