Funktionale Grammatik

Mit Grammatikunterricht verbindet man schnell das Erlernen von festen Regeln, eingeübt durch Beispielsätze, oft angewendet im „Pattern-Drill“. Es geht hier vor allem um richtige Wort- und Satzstrukturen. Dies mag beim Erlernen einer Fremdsprache sinnvoll scheinen, der Erwerb einer Zweitsprache erfolgt jedoch nach anderen Regeln: Der Einfluss auf den Spracherwerb und die Grammatik von außen darf nicht unterschätzt werden. Die Lernenden bekommen einen ungesteuerten Input.

Grammatikunterricht im Bereich Deutsch als Zweitsprache ist deshalb nicht identisch mit Grammatikunterricht in der Muttersprache oder in einer Fremdsprache. Im Alltag gehörte Laut-, Wort- und Satzmuster werden aufgenommen und angewendet. Darüber muss reflektiert werden, ob diese Muster allgemeingültig sind, Fehler müssen korrigiert und richtige Strukturen geübt werden. Aber das Finden und Korrigieren von Fehlern darf nicht im Mittelpunkt des Spracherwerbs stehen, denn das würde die eigene Sprachproduktion hemmen. (nach J. Roche)

Fehler sind in dieser Spracherwerbsphase normal und geben dem Lehrer den Hinweis, wo Grammatikarbeit zu leisten ist. Besonders syntaktische Fehler sind auch häufig durch die Muttersprache bedingt.

Satzstruktur

Die deutsche Sprache besitzt einen sehr eigenen Satzbau. Die Informationsverteilung im Satz bedingt das Prinzip der Wortstellung im Deutschen. Das finite Verb kann ganz unterschiedliche Stellungen einnehmen. Dies ist bei einer agglutinierenden Sprache wie dem Türkischen und vielen anderen Herkunftssprachen anders. Aus diesem Grund achtet die Lehrkraft anfangs auf einfache Formulierungen, die sie an die Begriffswelt der Lerner anbinden muss und die aus alltäglichen Situationen stammen. Eine funktionale Grammatik ist nämlich eine didaktische, die mit dem Sprachstand der Lernenden mitwächst.

Ich esse Kirschen.“

Ich will Kirschen haben.“

Heute schreibe ich den Text ab.“

Hast du Kirschen?“ „Gibst du mir…“

Ich freue mich, wenn ich meine Tante besuche.“ „Ich bleibe im Bett, weil ich krank bin.“

Den Lernenden werden ausreichend Möglichkeiten zur Wiederholung und Imitation geboten, damit die Grundmuster der deutschen Sprache gefestigt werden. Hierbei orientiert sich der Unterricht zwar an der Alltagssprache, bewegt sich aber hin zur konzeptionell schriftlichen Sprache.

Der Grammatikunterricht hat eine „dienende“ Funktion, soll die Kommunikation erleichtern und die Sprachproduktion unterstützen. Grammatikalisches Wissen wird nicht isoliert, sondern über die Kommunikation, mit Hilfe von Texten und Vokabeln eingeführt. Es gilt, neue Strukturen nur mit bekanntem Wortschatz einzuführen. Neue Redemittel werden dabei erkannt, bekannte Strukturen wiederholt. Dabei wird die Sprache auf ihre Funktion untersucht. Welche Aufgabe hat z.B. dieser Nebensatz? Gibt er eine Erklärung? Ersetzt er ein Subjekt, Objekt oder Adverb? Welche Funktion hat z.B. das Pronomen „das“ in diesem Satz? „Ich habe gestern eingekauft. Das hat Spaß gemacht."

Wortstruktur

„Man gewöhnt sich an alles außer am Dativ.“ Die Wörter der deutschen Sprache werden je nach Wortart im Satzzusammenhang entweder flektiert oder konjugiert. Dabei verändern die Wörter ihre Gestalt, sie können etwa im Akkusativ oder Dativ unterschiedliche Begleiter und Endungen haben. Zuerst muss der Lerner den Akkusativ verstanden und gelernt haben, bevor der Dativ eingeführt wird. Es gilt, diese beiden Fälle über Wochen voneinander zu trennen, denn diese existieren nicht in allen Sprachen.

Beispiel:

Ein arbeitsreicher Tag
von Hans Manz

Gespielt.
Der Mutter geholfen.
Nachgedacht.
Gespielt.
Der Mutter viel erzählt.
Dem Vater Fragen gestellt.
Mit der Schwester gezankt.
Herumgetollt.
Den nächsten Tag geplant.

Welche Möglichkeiten bieten sich z.B. hier an, Grammatik zu untersuchen?

Es bietet sich ebenfalls an, in einer späteren Lernsituation über das Partizip und dessen Funktion zu reflektieren.

Nach Günther Eineck „Unterrichtsideen Integrierter Grammatikunterricht. Textproduktion und Grammatik 5.-10. Schuljahr“ bedeutet das Prinzip der funktionalen Grammatik eine Hinwendung zu einem Unterricht, in dem nicht einfach grammatische Formen gelernt werden, sondern über die sprachlichen und kommunikativen Funktionen nachgedacht wird; es bedeutet somit eine Hinwendung zur „Reflexion über Sprache“.

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