Wortschatzarbeit

Die Bedeutung des Wortschatzes beim Spracherwerb

Ohne Wörter gibt es keine Sprache. Wörter sind sinntragende Einheiten einer Sprache, die phonologische, morphologische, semantische und pragmatische Merkmale enthalten. Beim Spracherwerb ist der Erwerb syntaktischer und grammatikalischer Strukturen an den Wortschatzerwerb gebunden. Zunächst steht der semantische Aspekt von Wörtern im Vordergrund. Der Sprecher hat das Ziel, ökonomisch zu kommunizieren, und konzentriert sich daher auf den Inhalt, weniger auf grammatikalische Strukturen, was sich typischerweise in der „Thema- Fokus Struktur“ (Roche, 2008, S.101) der Lernersprache äußert. Morphologische und syntaktische Elemente werden erst nach und nach erworben und angewendet. Dies zeigt sich auch im Verlauf der Erwerbssequenzen. So wird z.B. die zeitliche Markierung der Vergangenheit zunächst durch Temporaladverbien markiert, erst in Folge werden die Vergangenheitsformen der Verben erlernt. „Gestern ich schwimmen.“ Auch die Satzstellung der Inversion nach Adverbien beispielsweise erfolgt erst dann, wenn der Lerner über Adverbien in L2 verfügt. „Dann liest er.“ Roche spricht hier vom „Lexikalitätsprinzip“: „Die Grammatik entwickelt sich aus den Wörtern. Nicht umgekehrt.“ (Roche, 2012, S.21)

Ein Kind mit deutscher Erstsprache verfügt bei Schuleintritt über einen produktiven Wortschatz, auch „Mitteilungswortschatz“ genannt, von 5000 bis 9000 und einen rezeptiven „Verstehenswortschatz“ von 10000 bis 14000 Wörtern. (nach Apeltauer, 2014, S. 240). Allein diese Zahlen verdeutlichen, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind im Vergleich zu Schülern, die die deutsche Sprache erlernen und sich in einem monolingual deutschen Unterrichtsumfeld zu recht finden müssen. Darüber hinaus werden innerhalb eines Schuljahres „durchschnittlich ca. 3000 neue Wörter eingeführt“ (Apeltauer, 2014, S. 244), die von erstsprachig deutschen Schülern aufgrund ihres impliziten Wissens über Regeln in Morphologie und Wortbildungsstrukturen zum Teil selbstständig erschlossen werden können. Ein L2- Lerner verfügt jedoch nicht oder nur geringfügig über derartige Erschließungsstrategien und benötigt daher eine sprachsensible Lernumgebung, in der neben der inhaltlichen Vermittlung des Unterrichtsstoffes auch gezielt der notwendige Wortschatz erarbeitet wird.

Das mentale Lexikon

Wissen und Sprache stehen in einem direkten Zusammenhang. Durch Sprache werden „sowohl interne als auch externe Wissenspotentiale erschließbar (…), die ansonsten unzugänglich bleiben würden.“ (Apeltauer, 2014, S. 239) Unserem zentralen Wissens- und Informationsspeicher ist das mentale Lexikon vorgeschaltet, in dem der gesamte verfügbare Wortschatz gespeichert ist. Das mentale Lexikon ist vorstellbar „als multidimensionales und dynamisches Netz mit zahlreichen semantischen und phonetischen Knoten und Verbindungen (…), das alle Sinneskanäle miteinander verbindet. Wenn ein Element aktiviert wird, schwingen eine ganze Reihe weiterer semantischer Merkmale, lautlicher Beziehungen und Sinneseindrücke mit.“ (Roche, 2008, S.65f) Im mentalen Lexikon werden Wörter in „Netzen“, also in Konzepten gespeichert.

Die Aktivierung von Wörtern verläuft entlang der Knotenverbindungen. Obwohl die gespeicherten Lexeme auch sämtliche möglichen phonetischen und morphologischen Kennzeichnungen enthalten, spielen bei der Aktivierung „inhaltliche Aspekte bei der Auswahl (…) eine wesentliche Rolle“ (Roche, 2008, S. 68). Wortschatz bildet sich durch Aneignung von Wissen und Erfahrung. Durch das Einbetten und Verbinden von neuen Begriffen in und mit bereits bekanntem Wissen, durch das Reflektieren über Zusammenhänge werden Vernetzungen geschaffen und erweitert, thematische Wortfelder entstehen. Der Aktivierungsgrad steigt mit der Anzahl der Verbindungen eines Wortes und damit auch seine schnelle und flexible Abrufbarkeit. „Für den Unterricht bedeutet das, dass neues Wissen immer zu altem Wissen und zu Eigenerfahrungen der Schüler in Beziehung gesetzt werden sollte, damit entsprechende Vernetzungen entwickelt werden und neue Wörter so auch gegen Vergessen geschützt werden.“ (Apeltauer, 2014, S.242)

Wortschatzaneignung und - vermittlung

Wortschatzaneignung in der Zweitsprache vollzieht sich in Entwicklungssequenzen, die vom Lerner aus gesehen pragmatisch- funktionalen Prinzipien folgen, ähnlich dem „natürlichen“ Erwerb in der Erstsprache. Zunächst werden konkrete Inhaltswörter und einfache, kurze Wörter erlernt, die eine grundlegende Alltagskommunikation ermöglichen. Zunehmend nimmt der Lerner häufig gebrauchte und funktionale Wörter, die morphologisch transparent sind, auf. Semantisch komplexe und morphologisch intransparente Wörter folgen.

Die Wortschatzentwicklung unterscheidet sich wesentlich durch Lebensalter, Spracherfahrung und der Qualität des Sprachkontakts in L2 sowie Vorwissen. Ältere Lerner können bei der Erschließung neuer Wörter auf vorhandene Konzepte ihres mentalen Lexikons in der Erstsprache zurückgreifen. Jüngere Kinder verfügen in geringerem Maße über diese Möglichkeit, „vor allem dann, wenn das konzeptuelle System, das sie in ihrer Erstsprache aufgebaut haben, durch kulturspezifische Vorgaben vom konzeptuellen System der Zielsprache abweicht oder wenn ihre Erstsprache noch nicht altersgemäß entwickelt werden konnte.“ (Apeltauer, 2014, S.247) Grundlegend gilt: Ein Schüler kann ein Wort erst dann erlernen und behalten, wenn er das semantische Konzept verstanden hat! Umso wichtiger ist es, neue Begriffe kontextbezogen zu präsentieren. Eine kontextreduzierte Wortschatzvermittlung ist nicht nachhaltig, der Lerner wird Mühe haben, sich neue Wörter einzuprägen und zu behalten. Erfahrungen zeigen, dass eine selbstständige Worterschließung und der sprachhandelnde Umgang damit zu einer tieferen Vernetzung und Abspeicherung im Langzeitgedächtnis führen. (nach Apeltauer, 2014, S.246)

Wortschatzaneignung geschieht entweder inzidentell oder intentional. Der Zweitsprachlernende nimmt im Rahmen der kommunikativen Alltagskommunikation inner- und außerschulisch immer wieder Wörter beiläufig auf und wird sich in unterschiedlicher Weise mit deren Bedeutung und Gebrauch auseinandersetzen. Inzidentelles Lernen benötigt Zeit und auch häufige Wiederholung, ist aber aufgrund der Einbettung in Situationskontexte, die per se vorhanden ist, nachhaltig und für den Lerner sinntragend. Explizite und intentionale Wortschatzvermittlung im Unterricht kann an den beiläufig erworbenen Wortschatz der Schüler andocken, diesen vertiefen und bildungssprachliche Begriffe erarbeiten. Hier ist es wichtig durch kommunikative, handelnde und sprachhandelnde Methoden die Konzeptentwicklung „anzustoßen“, vorhandenes Wissen aufzugreifen und mit neuen Begriffen zu vernetzen.

Bei der Wortschatzvermittlung müssen dem Lerner auch Ruhephasen eingeräumt werden, in denen er Zeit hat, Gelerntes zu verarbeiten. Gerade nach intensiven Lernphasen ziehen sich Lerner „vorübergehend zurück „um zu verdauen“ und können danach Informationen umso intensiver wieder verarbeiten.“ (Apeltauer, 2014, S.244)

Literatur

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